Geschichten von Roland Martin, 2020
Volksgut – eine erste Erinnerung
Hier erzähle ich Geschichten aus der Kinder- und Jugendzeit der Nachkriegsgeneration – aus Gundorf und Burghausen. Die beiden Orte nenne ich bewusst gemeinsam, denn schulisch waren wir ohnehin vereint. Eine Klasse pro Jahrgang war schon ehrgeizig gerechnet. Meist waren wir weniger als zwanzig. Jeder Lehrer kannte jeden Schüler. Und wir wussten das – was nicht immer von Vorteil war.
Die handelnden Personen bleiben anonym. Nicht nur aus Datenschutzgründen, sondern weil es mir weniger um Namen geht als um das Lebensgefühl jener Zeit. „Gammeln“ hieß das damals. Heute würde man wohl „chillen“ sagen. Nur fand das nicht auf der Couch statt, sondern draußen: in Feld und Wiese, in Stallnähe, am Kanal oder auf Grundstücken, die offiziell nicht für uns gedacht waren. Unproduktiv, würde man heute urteilen. Für uns war es schlicht Leben.
Keine dieser Geschichten ist erfunden. Aber nach sechzig Jahren darf man annehmen, dass Erinnerungen ihre eigene Sortierung vornehmen. Details werden weicher oder schärfer. Gemeint ist nichts böse. Es ist lange her – und mit einem leichten Lächeln erzählt.
Und damit zur ersten Beobachtung:
Neben der Gundorfer Schule lag ein großer landwirtschaftlicher Betrieb. Während meiner Schulzeit trug er den klangvollen Namen „Volksgut“.
In unserem Lesebuch wiederum fanden sich zahlreiche Gedichte und Liedtexte, als deren Autor ebenfalls „Volksgut“ angegeben war.
Für mich war der Zusammenhang eindeutig. Wer sonst sollte all diese Verse geschrieben haben? Ich stellte mir vor, wie nach getaner Feldarbeit ein besonders dichterisch begabter Traktorist zwischen Kartoffelsäcken saß und Reime schmiedete.
Die Sache klärte sich nicht auf.
Aber ich lernte früh: Nicht alles, was offiziell klingt, ist wörtlich zu nehmen.
Friedrich Fröbel und ein Pfennig
In Burghausen gibt es einen schönen Kindergarten in einer großen alten Villa. Von außen sieht sie noch fast so aus wie damals, als ich dort Kindergartenkind war. Innen mag sich manches verändert haben. Die Kinder ganz sicher. Die Eltern auch. Und die Erzieherinnen, die früher noch „Tanten“ hießen.
Die Luft schien sauberer, auch wenn wir bei Regen gelegentlich auf waghalsigen Drei-Personen-Fahrradkonstruktionen nach Hause transportiert wurden.
Es gab den Morgenkreis mit Geburtstagsliedern. Selbst der Hahn auf dem Mist krähte für Erika, wenn sie Geburtstag hatte. Und bei schlechtem Wetter wurden Filme gezeigt. Beliebt: „Die Stadtmaus und die Landmaus“. Aus heutiger Sicht technisch unerquicklich – schwarzweiß, ohne Ton, ohne Bewegung. Dafür durfte während der Vorführung lautstark kommentiert werden.
Schon damals kamen die Kinder aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen – nur eben auf anderem wirtschaftlichem Niveau als heute. Ein Junge aus sehr armen Verhältnissen brachte oft kein Frühstück mit. Die „Tanten“ gaben ihm dann etwas ab.
Mit ihm verbindet sich eine Geschichte, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.
Unser Spielzeug war nach den Ideen von Friedrich Fröbel gestaltet: aus unbehandeltem Holz, groß, robust, fantasieanregend. Zu Weihnachten gab es regelmäßig Nachschub aus dem Fröbelhaus in Leipzig. Kein Plastik, keine Batterien, keine Bedienungsanleitung.
Besonders begehrt war eine Lokomotive auf Holzschienen – mit Weiche. Ich ging morgens gern etwas früher in den Kindergarten, um als Erster an die Lok zu kommen.
Eines Tages war ich nicht der Erste. Der Junge aus den armen Verhältnissen war schon da und hatte sich die Lok gesichert.
Doch er fuhr nicht wie üblich im Kreis. Er starrte konzentriert auf ein Rad. Als ich näherkam, sah ich warum: Hinter dem Rad war ein Pfennig eingeklemmt.
Er wollte ihn unbedingt haben.
Ich ließ ihn gewähren und spielte mit anderem Spielzeug. Später war der Pfennig verschwunden.
Am nächsten Morgen legte er beim Frühstück eine „Pfennigwaffel“ auf seinen Teller – Preis bei Milch-Winter: ein Pfennig.
Mehr Erklärung brauchte es nicht.
Fischen im „Rheinland“
Das „Volksgut“ – ein großer landwirtschaftlicher Betrieb, kurz „Gut“ genannt – verfügte über einen stattlichen Wirtschaftshof, in dessen Mitte Schloss Gundorf stand. Dahinter lagen Schlossteich und ein damals ziemlich verwahrloster Schlosspark, Teil des feuchten nördlichen Auenwaldes. Mehrere Bäche zogen sich hindurch, Wege gab es kaum. Dieses Gelände nannten wir großspurig „Rheinland“.
Ob es am echten Rhein ähnlich aussieht, weiß ich bis heute nicht. Für uns jedenfalls war es das perfekte Terrain für Expeditionen, Naturerfahrungen und alles, was Eltern nicht unbedingt wissen mussten. Später las ich, dass auch Karl Heine dort als Junge seine ersten Naturstudien betrieben haben soll. Ganz abwegig war unser Forscherdrang also nicht.
Eigentlich hätten wir das Gelände gar nicht betreten dürfen – es gehörte schließlich dem Gut. Doch mein bester Schulfreund wohnte auf dem Gutshof, sein Vater arbeitete dort. Das ersparte uns offizielle Genehmigungen. Mit Gummistiefeln ausgerüstet marschierten wir ins Abenteuer.
In den Bächen wimmelte es von kleinen Fischen, meist Stichlingen. Sie trugen auf Rücken und Seiten eindrucksvolle Stacheln – eine Art eingebaute Verteidigungsanlage. Essbar waren sie nicht, das wussten wir. Aber genau betrachten wollten wir sie schon.
Mit der Hand war nichts zu machen: zu flink, zu stachlig. Angeln schien uns ebenfalls aussichtslos. Also entwickelten wir eine eigene Methode. Beim nächsten Ausflug brachten wir eine Kiepe mit, stellten sie in eine tiefe, stark durchströmte Bachstelle – Öffnung gegen die Strömung. Eine improvisierte Reuse. Und sie funktionierte.
Als wir die Kiepe anhoben, zappelte es nur so darin. Ein Gewimmel aus Stacheln. Wir ließen die Kiepe im Wasser stehen, um unsere Beute in Ruhe zu betrachten. Anfassen gehörte selbstverständlich dazu. Danach setzten wir die Fische wieder aus. Vorläufig.
Doch der Ehrgeiz wuchs. Beim nächsten Mal kamen wir mit Glasgefäßen zurück. Die Reuse arbeitete zuverlässig, und bald waren die Gläser mit Wasser und Stichlingen gefüllt. Stolz traten wir den Heimweg an.
Zu Hause stellte sich die entscheidende Frage: Wohin mit den Fischen?
Die Lösung war ebenso pragmatisch wie elternfreundlich: in die Badewanne. Baden fiel damit zunächst aus, aber wissenschaftliche Forschung verlangt Opfer.
Anfangs schwammen die Fische munter umher. Nach einigen Tagen jedoch starb einer nach dem anderen. Manche versuchten sogar, sich gegenseitig zu fressen – mit unerquicklich endendem Ausgang, Stacheln inklusive.
Wir lernten: Wasser allein reicht nicht zum Leben.



