Angler am Kanal- Erinnerungen von Roland Martin

Über meine Fischbeobachtungen von der Luftmatratze aus habe ich bereits berichtet.

Nun gibt es Menschen – überwiegend männlichen Geschlechts –, die es nicht beim Betrachten belassen. Sie wollen fangen. Möglichst groß. Dann töten, ausnehmen, braten und essen. Das Ausnehmen und Braten übernehmen allerdings nicht selten andere, vorzugsweise weibliche Familienmitglieder.

Sie nennen sich Angler. Mancherorts Fischer. Gern auch Sportfischer – denn das klingt nach Bewegung. Ob es sich tatsächlich um Sport handelt, darüber ließe sich streiten. Aber es gibt ja mehrere Disziplinen, bei denen vor allem gesessen wird.

Angeln hat einen unschätzbaren Vorteil: Wer angeln ist, ist nicht verfügbar. Keine häuslichen Aufträge, keine Reparaturen, kein Rasenmähen. Man ist beschäftigt. Mit Warten. Vorausgesetzt, die Ausrüstung stimmt und die Mücken zeigen Zurückhaltung.

Für besonders Entschlossene gibt es das Nachtangeln. Für manche offenbar weniger wegen der Fische als wegen der Dunkelheit.

Während des Angelns herrscht bemerkenswerte Stille. Selbst in Gruppen. Kommunikation erfolgt erst im Nachhinein – bei der Auswertung. Und dort wächst der Fang mit jeder Erzählung ein Stück. Diese sprachliche Spezialdisziplin nennt sich Anglerlatein.

Ein Frauen-Anglerteam, das stundenlang schweigend nebeneinandersitzt, ist bislang nicht überliefert. Bei Männern funktioniert das. Und wenn doch einer spricht, kommt zuverlässig die Frage:
„Sind wir hier zum Angeln oder zum Quatschen?“

Gelegentlich kommt es zu Spannungen mit Schwimmern. Diese vertreiben angeblich die Fische oder verheddern Leinen. Die Konfliktlösung bleibt allerdings meist verbal.

Hinter dem Ganzen steckt mehr Organisation, als man vermutet: Vereine, Verbände, Meisterschaften bis hin zur Weltmeisterschaft. Selbst ohne Wasser wird geangelt – dann eben mit Bleigewichten auf dem Trockenen. Wer am weitesten wirft oder am präzisesten trifft, gewinnt.

Die DDR-Sportfunktionäre erkannten schnell das Potenzial: Medaillen mit minimaler körperlicher Erschöpfung. Männer- und Frauenmannschaften gleich doppelt. Und geredet werden durfte dabei sogar.

Auch an unserem Kanal fand einmal eine Angel-Weltmeisterschaft statt. Mit Fischen. Sicherheitshalber vorher eingesetzt – damit niemand ganz ohne Erfolg nach Hause gehen musste.